Von Markus Groß auf Montag, 31. März 2025
Kategorie: IT

EU AI Act: Der schnellste Weg zur Governance-Struktur, die wirklich skaliert

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s gibt zwei typische Reaktionen, wenn der EU AI Act im Unternehmen „landet“: Entweder wird er als reines Rechtsprojekt verstanden („Jura klärt, IT liefert irgendwann nach“). Oder er wird als Technikthema gesehen („Wir machen ein KI-Register, dann passt das schon“). Beide Perspektiven greifen zu kurz. Der EU AI Act ist vor allem eine Steuerungsfrage: Wer entscheidet was, nach welchen Kriterien, mit welchem Nachweis – und wie bleibt das auch dann tragfähig, wenn aus 5 KI-Anwendungen plötzlich 50 werden?

In diesem Beitrag geht es nicht um Paragrafen-Exegese. Es geht um einen praktikablen Weg zu einer Governance-Struktur, die schnell startfähig ist und dabei nicht beim ersten Wachstumsschub auseinanderfällt. „Schnell“ heißt hier nicht oberflächlich, sondern: mit wenigen Bausteinen so viel Ordnung schaffen, dass Sie Risiken einordnen, Entscheidungen treffen und Nachweise liefern können – ohne Ihr Unternehmen mit Bürokratie zu blockieren.

Warum viele AI-Governance-Ansätze nicht skalieren

Wenn Governance nicht skaliert, hat das meist drei Ursachen:

Die Lösung ist selten ein großes Tool. Die Lösung ist ein einfacher, wiederholbarer Ablauf – und ein Register, das nicht „Daten sammelt“, sondern Entscheidungen und Verantwortlichkeiten strukturiert.

Der schnellste Weg: 6 Bausteine, die zusammen eine skalierbare Struktur ergeben

Wenn Sie schnell starten wollen, brauchen Sie nicht „alles“. Sie brauchen die richtigen sechs Bausteine – in einer Reihenfolge, die sich im Betrieb bewährt:

  1. KI-Inventar (was existiert wirklich?)
  2. Risikoklassifizierung (wie kritisch ist es – nachvollziehbar?)
  3. Rollen & Entscheidungen (wer darf was freigeben?)
  4. Lifecycle-Kontrollen (wie wird gebaut, getestet, betrieben, geändert?)
  5. Evidenz & Ablage (wo liegt die prüfbare Spur?)
  6. Taktung (wie bleibt das aktuell – ohne Dauerprojekt?)

Im Folgenden gehen wir Baustein für Baustein durch – mit konkreten Vorschlägen, die Sie in wenigen Wochen umsetzen können.

Baustein 1: KI-Inventar – aber bitte als Arbeitsliste, nicht als Datenfriedhof

Ein KI-Inventar klingt banal, ist aber der Dreh- und Angelpunkt. Der häufigste Fehler: Man fragt „Welche KI haben wir?“ und bekommt entweder gar nichts – oder eine Liste mit allem, was irgendwie nach Automatisierung aussieht. Beides hilft nicht.

Pragmatischer Ansatz: Definieren Sie klar, was Sie als „KI-Anwendung“ führen wollen. Praktisch reicht am Anfang eine Arbeitsdefinition wie:

Minimalfelder für das Inventar (Startversion):

Das ist bewusst knapp. Sie wollen damit nicht „vollständig dokumentieren“, sondern sichtbar machen, was gesteuert werden muss.

Baustein 2: Risikoklassifizierung – wenige Kriterien, aber konsequent

Die Klassifizierung ist der Moment, in dem Governance greift. Hier entscheiden Sie, wie streng der Prozess sein muss. Genau deshalb ist eine nachvollziehbare Logik wichtiger als eine perfekte Detailtiefe.

Ein praktikables Set an Klassifizierungsfragen:

Wichtig: Die Klassifizierung darf nicht „im Register passieren“ und danach nie wieder. Sie muss an Entscheidungen gekoppelt sein: Welche Kontrollen sind Pflicht, wenn eine Anwendung in eine höhere Risikostufe fällt?

Faustregel zum Start: Legen Sie drei Stufen fest (z. B. niedrig / mittel / hoch) und definieren Sie pro Stufe wenige Pflichtanforderungen. Das skaliert besser, als sofort mit zehn Kategorien zu starten.

Baustein 3: Rollen & Entscheidungen – Governance ist keine Orgchart

In der Praxis scheitert AI-Governance selten an fehlenden Rollenbezeichnungen. Sie scheitert daran, dass niemand klar sagen kann:

Pragmatischer Vorschlag für einen schlanken Entscheidungsaufbau:

Der Trick ist nicht, viele Menschen zu involvieren. Der Trick ist, die Freigabeschwelle klar zu ziehen und die Entscheidung dokumentierbar zu machen.

Baustein 4: Lifecycle-Kontrollen – damit KI nicht „einmal live, immer live“ ist

Die meisten Probleme entstehen nicht beim ersten Go-Live, sondern später: Daten ändern sich, Modelle driften, Anforderungen werden angepasst, der Dienstleister stellt Funktionen um. Wenn Ihr Betrieb dafür keinen Standard hat, wird Governance schnell reaktiv und teuer.

Ein skalierbarer Lifecycle lässt sich in 5 Stationen beschreiben:

  1. Idee & Vorprüfung: Zweck, grobe Risiko-Einordnung, Datenquellen, Owner.
  2. Bau & Test: Testfälle, Qualität, Robustheit, dokumentierte Grenzen.
  3. Freigabe: Klassifizierung bestätigt, Mindestkontrollen erfüllt, Verantwortlichkeiten klar.
  4. Betrieb: Monitoring, Incident-Ablauf, Nutzerfeedback, Änderungsmanagement.
  5. Änderung & Re-Freigabe: Wenn etwas Wesentliches geändert wird (Daten, Modell, Zweck), muss die Risiko-Einordnung überprüft werden.

Wichtig für die Skalierung: Definieren Sie, was als „wesentliche Änderung“ gilt. Sonst diskutieren Sie bei jeder Anpassung neu, ob Governance greift. Typische Trigger sind:

Baustein 5: Evidenz & Ablage – „prüfbar“ schlägt „schön“

Viele Teams haben Angst, AI-Governance könnte zu „Dokumentationspflichten“ eskalieren. Das passiert vor allem dann, wenn Sie keine klare Evidenzlogik haben. Dann wird im Zweifel alles gesammelt, überall abgelegt, und am Ende findet es niemand.

Pragmatischer Evidenz-Standard: Für jede KI-Anwendung gibt es eine kleine Akte mit wenigen, aber belastbaren Dokumenten. Starten Sie mit:

Damit haben Sie im Ernstfall eine klare Spur: Entscheidungen, Begründungen, Nachweise. Und: Sie müssen nicht jedes Detail doppelt pflegen.

Ablage-Tipp, der in der Praxis viel Stress spart: Ein Ort, ein Schema. Zum Beispiel je Anwendung ein Ordner nach einem festen Muster. Die Frage „Wo liegt das?“ darf nie mehr als 30 Sekunden dauern.

Baustein 6: Taktung – so bleibt es aktuell, ohne dass Sie 12 Monate lang „Programm“ spielen

Governance skaliert nicht über Perfektion, sondern über Routine. Der EU AI Act wird Sie nicht einmalig beschäftigen, sondern dauerhaft. Der schnellste Weg zu Stabilität ist ein schlanker Takt:

Das ist kein Overhead. Das ist die Minimalroutine, damit Sie nicht irgendwann merken, dass das Register veraltet ist und Entscheidungen im Alltag längst anders laufen.

Ein konkreter 4-Wochen-Startplan (ohne Tool-Projekt)

Wenn Sie „schnell“ wirklich ernst meinen, hilft ein enger Zeitrahmen. Ein bewährter Ablauf:

Das Ergebnis nach 4 Wochen ist kein „fertiges System“, aber ein tragfähiger Kern: Inventar, Klassifizierung, Entscheidungen, Evidenz. Genau dieser Kern ist es, der später skaliert.

Praxisbeispiel: Warum das Register allein nicht reicht

Ein typischer Fall: Eine Fachabteilung nutzt einen externen KI-Dienst, um Anfragen schneller zu kategorisieren. Die Lösung wird als „unterstützend“ eingestuft, geht zügig live und bringt sofort Nutzen. Monate später verändert der Anbieter die Funktionsweise, die Qualität sinkt, Beschwerden häufen sich. Jetzt stellt sich plötzlich die Frage: Wer entscheidet, ob die KI weiterläuft? Wer muss informiert werden? Wo sind Testfälle, um die Veränderung objektiv zu messen?

Wenn Sie nur ein Register haben, hilft das wenig. Wenn Sie aber die oben beschriebenen Bausteine umgesetzt haben, ist der Weg klar:

Das ist Governance, die im Alltag trägt – nicht nur im Dokument.

Die drei häufigsten Fehler – und wie Sie sie vermeiden

Ein Merksatz, der intern funktioniert

Wenn KI skaliert, muss Governance schneller sein als das Wachstum. Das erreichen Sie nicht durch mehr Meetings, sondern durch wenige Standards, die konsequent greifen: Inventar, Klassifizierung, Entscheidung, Lifecycle, Evidenz, Taktung.

Im nächsten Beitrag dieser Reihe gehen wir eine Ebene tiefer: Wie man aus einem KI-Register ein Steuerungsinstrument macht, das Einkauf, IT, Risk, Revision und Fachbereiche verbindet – ohne dass es zu einem „Paralleluniversum“ wird.

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